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Urlaubsgeld gestrichen, Weihnachtsgratifikation gekürzt. Die wirtschaftliche Depression erfasst mittlerweile auch den Mittelstand. Da
sind Fernreisen mit Kind und Kegel nicht mehr in jedem Jahr drin. Ein Großteil der Erwerbstätigen sucht deshalb nach bezahlbaren Alternativen. Herbert Frei
berichtet über ein Tauchgebiet, das man sich als Normalverdiener noch leisten kann.
Unter tropisch versauten und cocktailgeschwängerten Fernsüchtigen
spielte das Mittelmeer bis vor kurzem weniger als eine Nebenrolle. Was soll ich in einem Meer, wo es keine Mantas und Weichkorallen gibt — so die gängige Frage,
wenn man Europas größte Badewanne auch nur ansatzweise erwähnte. Und dann auch noch in die Türkei? Knoblauchgerichte und der Muezzin...unter Wasser kahl und nichts
los. Nein, danke! Vorurteile halten sich immer so lange, wie man sie sich leisten kann. Knoblauch muss man nicht essen, wenn man ihn nicht mag. Und gegen den
Muezzin hilft Ohropax, wenn es denn wirklich sein muss. Kahl ist die Unterwasserwelt, aber alles andere als langweilig. Berauschend sind die Sichtweiten. 40 Meter und
mehr. Das findet man kaum im Roten Meer oder in der Karibik. Von daher ist ein Urlaub am Mittelmeer, speziell aber in der Türkei, mehr als eine Verlegenheitslösung. Es
ist eine Tauchreise in die Beschaulichkeit, in das Gemütliche. Dort, wo man dem Leben einen Sinn abgewinnen kann und wo das kalkulierbare Abenteuer unter Wasser für
den Schuss Adrenalin im Urlaub sorgt — auch das ist Kas!
Lykische Historie
Kulturell nimmt die Türkei einen ganz besonderen Status ein.
Speziell in der Provinz Lykien atmet fast jeder Stein mit antiker Lunge. Alexander der Große annektierte das Gebiet, Araber und Seldschuken beherrschten einst Kas, das
in früheren Zeiten Andifli genannt wurde. Seit den fünfziger Jahren entwickelte sich der kleine Fischerort zu einem sehenswerten und pittoresken Flecken, der schon
beim ersten Anblick die Urlaubslaune zu pushen vermag. Touristik - Experten sehen in Kas den malerischsten Hafenort der gesamten lykischen Küste. Die Provinz
Lykien gehört zu den schönsten Gegenden, die man als Urlauber in der Türkei besuchen kann. Verschwiegene Buchten, türkiesfarbenes, glasklares Wasser, in dem man jeden
Stein erkennen kann. Schon vor mehr als 4000 Jahren haben sich Menschen hier niedergelassen. Die Einwanderer kamen vermutlich aus Kreta, brachten griechische
Lebensweisen mitsamt ihren Mythen und Geschichten in die neue Welt. Gegenüber Kas liegt noch heute eine zu Griechenland gehörige Insel. Auch das Christentum hat in
Lykien seine Wurzeln verewigt. In Myra wirkte der legendäre St. Nikolaus, ein Bischoff, der zum Helfer der Armen und Unterdrückten wurde. Er verteilte Geld, Essen und
andere notwendige Dinge des Lebens an Bedürftige. Daraus entwickelte sich die Sitte, Familienangehörigen bzw. Kindern und Freunden am 6. Dezember kleine Gaben zu
schenken. Den um 300 n. Christus in Patara geborenen und in Myra gestorbenen St. Nikolaus kennen weltweit alle Kinder als Weihnachtsmann. Der Charme von Kas ist
sprichwörtlich. Manche haben sich unsterblich in diesen Ort verliebt und sind sogar geblieben. Weil es keinen Sandstrand gibt, konnten sich auch die großen Hotelketten
und Reiseveranstalter nicht etablieren. Das macht aus diesem reizenden Flecken ein sehenswertes und liebgewonnenes Feriendorf mit freundlichen Menschen. Noch ist Kas
etwas verträumt und soll es nach dem Willen seiner Einwohner auch bleiben. Natürlich gibt es hier auch die Nebenstraßen mit altem Trödel, Gewürzen und gemütlichen
Lokalen sowie billige „Rolexuhren“ und preiswerte Markenklamotten. Wäre es anders, wäre es nicht die Türkei. Bummeln in Kas mit anschließendem Abendessen, ist
immer ein besonders Erlebnis. Lykisches Mittelmeer
Wer nur Spanien und Italien unter Wasser kennt, muss sich gedanklich etwas
umstellen. Gorgonien gibt es keine. Die Unterwasserwelt ist von einer bizarren Kahlheit, deren Scharm in exorbitanten Sichtweiten, tropischen Fischen und antiken
Artefakten liegt. Aber auch der Nahbereich kann sich sehen lassen. Beeindruckend im wahrsten Sinne des Wortes ist indes die Unterwasserlandschaft. Höhlen, Grotten,
Schluchten, Felsen, kaminartige Verengungen und endlose Seegraswiesen lassen keine Langeweile aufkommen. Die Zahl der Taucher, die mehrmals ihren Tauchurlaub hier
verbringen, nimmt ständig zu. Gründe gibt es genug. Zu den Pretiosen zählen zweifelsohne die aus dem Roten Meer eingewanderten Tropenfische. Seit Öffnung des
Suezkanals haben es bestimmte Arten geschafft, den Weg durch die vor mehr als 100 Jahren gebaute Wasserstraße erfolgreich zu überstehen. Allerdings sind die Wanderwege
der Fische einseitig ausgerichtet. Nur von Roten Meer ins Mittelmeer scheint der Übergang möglich zu sein. Größtes Hindernis dürfte der im Suezkanal liegende große
Salzsee sein, dessen erhöhte Salzkonzentration zumindest die Mittelmeerfaunisten vor einer Wanderung ins Rote Meer abhält. Aber auch umgekehrt schaffen es nur robuste
Individuen. Denn nach dem lauwarmen Salzsee wartet kühles Mittelmeerwasser auf die Einwanderer, und nicht jeder Fisch verträgt die zumindest im Winter relativ niederen
Temperaturen von manchmal weniger als 15° C an der türkischen Küste. Von denen, die sich an der türkischen Küste etabliert haben, stechen insbesondere die
Papageienfische hervor. Sie findet man in diversen Farben und Größen. Obwohl sie nicht so groß werden wie im Roten Meer und auch nicht so bunt aussehen, bilden sie
immer ein attraktives Fotomotiv, das man sich aber erarbeiten muss. Denn obwohl sie nicht scheu sind, halten sie immer eine Mindestdistanz ein und sind permanent am
Schwimmen. Gleiches gilt für die zahlreichen Kaninchenfische, die man aber bei Nachttauchgängen gut ablichten kann. Beeindruckend sind die Schwärme von Flötenfischen,
Barrakudas und die in den Seegraswiesen aber eher solitär stehenden Schermesserfische. Bunte Barben, Mönchsfische in großen Schwärmen, Muränen, Schriftbarsche und
große Zackis sorgen für Kurzweil bei jedem Tauchgang. Für Oktopusse ist die steinige Felsenküste ein perfekter Lebensraum mit vielen Versteckmöglichkeiten. In der
Abenddämmerung und nachts kommen sie hervor und gleiten auf der Nahrungssuche über die Seegraswiesen. Kas hat mehr als 8 Wracks in der näheren und weiteren
Umgebung zu bieten. Das allein wäre ein eigener Urlaub wert. Die versunkenen Schiffe sind fast alle fotografische Leckerbissen. Highlight ist aber zweifelsohne das
Bomberwrack in 60 m Tiefe. Doch die lykische Küste hat noch mehr zu bieten. Versunkene Altertümer sind etwas, das viele Taucher magisch anzieht. Um Kas herum findet
man viele Amphorenfelder mit intakten Fundstücken. Experten sehen einer Amphore an, ob sie aus Griechenland oder aus der römischen Kultur stammt. Interessanterweise
stehen zwischen den Amphoren oder zumindest in der Nähe meistens auch Steckmuscheln in beträchtlicher Zahl. Es zahlt sich aus, hier zu tauchen, weil die UW-Welt mit
all ihren versunkenen Schätzen unverfälscht und im Original erhalten geblieben ist. Ursache ist ein restriktives Gesetz, das den Diebstahl von Altertümern in der
Türkei so rigoros bestraft, dass man besser die Finger davon lässt. Zehn Jahre Gefängnis zwischen Ratten und Kakerlaken ist nur was für absolut widerstandsfähige
Zeitgenossen. Deshalb auch niemals für Freunde und Bekannte alte Steine, Münzen oder antike Skulpturen und Amphoren mitnehmen.
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